06/11/2022
Wochentag
Es war ein Alltag, als frühmorgens per WhatsApp eine Mutter nach Hilfe fragte, weil ihr Kind immer wieder Bauchschmerzen hat. Die Oma ist gestorben, es ist die zweite Oma, die jetzt tot ist. Das Kind ist im ersten Schuljahr.
Es ist 10 Uhr, als eine Beerdigung stattfindet. Ein Elternteil wird beerdigt und mich berührt es, als ich die Sechsjährige sehe, wie sie sich für die Beerdigung des Papas chic gemacht hat.
Sie trägt ein blaues Tüll-Prinzessinnenkleid und eine Krone. Es rührt mich, dass die Mama das ok findet, dass sich jede und jeder auf seine Weise schön macht.
Ich fahre nach Hause und telefoniere danach mit dem Buchverleger über ein neues Projekt.
Um 15 Uhr haben wir einen kirchlichen Podcast. Eine halbe Stunde und eigentlich könnten wir noch länger reden…
Ich treffe mich mit einer Jugendlichen zum Gespräch, gebe ihr Geld zum Aufladen vom Handy. Sie sagt: „Wenn ich mal Geld verdiene, zahle ich es dir zurück.“
Ich glaube ihr sofort.
Dann: 1 Stunde Pause.
Dann: mein Paten“kind“ aus Bayern kommt mit Frau und 3 Kindern zu Besuch, es freut mich so sehr. Und alle anderen aus unserer Familie auch. Die drei Kleinen freuen sich auf die Urgroßmutter. Sie freut sich auch.
19 Uhr: Unsere jungen Erwachsenen-Trauergruppe nach dem Suizid von Eltern, Geschwistern oder besten Freunden findet Dank Spendenfinanzierung statt.
3 Jungs, 5 Mädchen sitzen im Raum, 2 junge Frauen sind per Zoom zugeschaltet.
Wir reden über den Umgang mit der Tatsache „Suizid“.
Wie kann es sich im Laufe der Zeit verändern? Was macht es mit mir? Mit der Umwelt?
In meinem Job? Ist es ein Makel? Für wen?
Sarah erzählt aus ihrer Perspektive. Es ist einige Jahre bei ihr her, dass ein Angehöriger starb, sie tritt selbstbewusst auf. Die Erfahrung tut allen gut.
Es werden untereinander Fragen gestellt, ausgetauscht - Beate Seemann, meine Kollegin und ich sind dankbar dafür, so starke junge Menschen zu erleben.
Eine studiert Jura, eine Lehramt, eine geht ins Marketing, eine studiert Psychologie, einer ist beim Finanzamt in der Lehre, einer wird Arzt, eine studiert soziale Arbeit, einer will was mit Film machen, … starke Typen, ich sagte es schon.
Beate hat zuhause alkoholfreien Punsch gekocht, nach einem Familienrezeot.
„Mach es beim nächsten Mal wieder“, sagen alle.
Brezeln gibt es auch und Käse und Wurst und Butter.
Während wir miteinander reden, findet in der Küche eine weitere junge Erwachsenengruppe statt. Die LAVIA-Bude ist voll!
Voll von jungen Menschen, die mit ihrer Trauer nicht alleine sein möchten. Die keine Opfer des Schicksals, sondern mutige Typen sind, die das Bestmögliche in der Traurigkeit gestalten wollen.
Die Gruppe endet um 21.00 Uhr. Keiner mag nach Hause gehen. Alle stehen rum, räumen mit auf, quatschen miteinander.
Um 21.30 Uhr geht Beate, um 21.40 Uhr sage ich zu den „restlichen“ 7 Jugendlichen: „Ich gehe jetzt. Holt gleich den Engel von draußen rein, macht das Licht aus und zieht die Haustür zu.“
Sie lachen und bleiben im Flur an die Wand gelehnt stehen und ich fahre nach Hause.
Gucke im Rückspiegel auf das erleuchtete LAVIAhaus und bin so dankbar im Herzen für das, was hier geschieht.
Zuhause sitze ich mit Mann und Patenkind und dessen Frau, später noch mit dem Sohn dabei am Küchentisch und wir reden bis in die Nacht hinein.
Ein guter Tag.
Es folgt sicher heute ein guter Tag, denn heute werden nacheinander und parallel fünf verschiedene Gruppen von 7-18 Jahren im LAVIAhaus sein. 8 verschiedene TrauerbegleiterInnen, alle mit pädagogischen Fachwissen, werden abwechselnd da sein.
Es sind Tage, in demen meine Kolleginnen und ich Leere in den Geschichten von Familien erleben und auch Fülle erkennen.
Danke an Euch für Eurer Dazutun für die Fülle!
All das hier wird durch Spenden finanziert, weil es keine staatlichen Zuschüsse gibt. ❤️
Wer kennt wen, auch Stiftungen oder Unternehmen, der oder die die gemeinnützige LAVIA gGmbH unterstützen mag?
[email protected]
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Foto: Laviatrauergruppe, Freitagabend