21/02/2021
Lockdown: Wut und Ratlosigkeit
Das Friseurhandwerk atmet auf, für sie geht es ab 1. März endlich weiter. Aber für den Handelsverband Textil sind die Ergebnisse des Corona-Gipfels und die Beratungen des hessischen Corona-Kabinetts ein „Supergau für den stationären Einzelhandel“. Der Handelsverband Deutschland (HDE) wirft der Politik Wortbruch vor, beklagt eine immer noch fehlende Planungssicherheit und aktuell wird die Ministerriege mit immer noch fehlendem Stufenplan angeprangert. Der HDE erwartet 50.000 Insolvenzen mit dem Verlust von 250.000 Arbeitsplätzen. Der bayerische Handelsverband will gegen bis 7. März angeodnete Schließung klagen. Die Politik habe „eiskalt und ohne Rücksicht ein Versprechen gebrochen“. Der Unitex-Einkaufsverbund mit 800 angeschlossenen Mode-Einzelhändlern spricht von „abstrusen Regelungen“ und hat Eilanträge auf Wiedereröffnung angekündigt. Und will „keine Extrawurst, sondern nur Chancengleichheit!“ Auch in der Region ist die Enttäuschung riesig.
Tanja Kolb, Geschäftführerin des Modehauses Müller-Ditschler in Büdingen und Vorsitzende des Gewerbe- und Verkehrsvereins, freut sich, dass die Friseure wieder öffnen dürfen, ärgert sich aber über die neuerliche Verschiebung der Öffnung für den Einzelhandel: „Wir sind im stationären Handel, noch dazu mit den derzeitigen Auflagen, längst nicht so nah am Kunden wie das Friseurhandwerk. Gerade durch den hinter uns liegenden Sonderverkauf wegen des Hochwassers in Büdingen haben wir doch bewiesen, dass der stationäre Einzelhandel auf dem Land kein Corona-Hotspot ist“. Tanja Kolb, die bisher versucht hat, aus jeder Corona-Gipfelentscheidung das Beste zu machen, hält fest: „Jeder Politiker, der diesen Beschluss mitgetragen hat, muss sich im klaren sein, dass er damit Existenzen und persönliche Schicksale vor seinem Gewissen zu verantworten hat!“ Schwach sei die Unterstützung durch die Politik gewesen, Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sah im Oktober 2020 für Einzelhändler in der Digitalisierung ihrer Angebote eine Chance, sich in der Krise zu behaupten. „Ohne die kreativen Eigeninitiativen unserer Händler wäre die Situation noch schlimmer. Da haben wir keine Ratschläge gebraucht“. Stattdessen mahnt sie Unterstützungsgelder für den stationären Einzelhandel an, die immer noch nicht eingetroffen seien. Außerdem sei für den stationären Einzelhandel das Online-Geschäft nicht zielführend!
Und für seine Branche spricht Maximilian Häßner, Geschäftschäftsfüherer des „TEXTILIUM“ in Nidda: „In mir als Vertreter der Niddaer Einzelhändler macht sich Wut, Unverständnis und Ratlosigkeit breit. Man hat uns Mut zugesprochen, daß wir bei 50 Inzidenzen wieder öffnen dürfen, weil die Gesundheitsämter dann wieder die Kontrolle haben. Wir haben uns an alle Regeln gehalten und sind diesen Marsch mit gegangen. Das Ziel in erreichbarer Nähe, wird es auf 35 verändert.
Wir sind nach wie vor für viele Auflagen bereit, um uns, unsere Mitarbeiter und Kunden zu schützen. Das dies gut funktioniert, haben wir vor allem in unserer Kleinstadt schon im vergangenen Jahr bewiesen“.
Häßner beschreibt die Dramatik: „Dass wir nun jämmerlich leiden, im Lockdown ohne Perspektiven hängen und dabei zusehen, wie unsere Existenz mutwillig zerstört wird, ohne dass wir etwas dagegen tun können – das tut weh und ist nicht fair. Viele Unternehmen, die bis Dezember sehr gesund waren und noch den ersten Lockdown überstanden haben, stehen jetzt mit dem Rücken an der Wand.
Was uns aktuell motiviert zu kämpfen, sind unsere Kunden, denen wir für ihre Treue unfassbar dankbar sind und unsere Mitarbeiter, mit denen wir gemeinsam darum ringen, daß ihr Arbeitsplatz gesichert wird. Und die wir täglich versuchen zu motivieren, damit wir sie nicht verlieren. Denn auch das Abwandern von Mitarbeitern in andere Bereiche, die aktuell nicht von Kurzarbeit betroffen sind, ist ein riskanter Punkt. Bis wir wieder öffnen dürfen (egal, welches Datum nach dem 1. März) sind wir in Winterware erstickt, die nur teuer eingelagert werden muss und erst im nächsten Jahr mit Glück und hohen Abschlägen angeboten werden kann“.
Für ihn wie alle seine Berufskollegen besteht die „größte Ungerechtigkeit für die Textilbranche darin, dass Aldi, Globus, Lidl & Co. Alle Produkte weiterhin verkaufen dürfen (natürlich neben dem ganzen Onlinehandel). Damit sind ganze Textilabteilungen komplett geöffnet, während den kleinen Händlern das Arbeiten verboten wird“.