28/01/2021
Jeder kennt das Märchen vom tapferen Schneiderlein. Aber kennen Sie einen Maßschneider? Nicht? Dann kann es sein, dass Sie nach dem Jahr 2021 auch keinen mehr kennenlernen können.
Ich bin Maßschneider, und wer mich kennt, weiß, dass ich nicht jammern will. Weiß, dass ich Verständnis für die Notlage habe, in der wir alle sind, die meisten Maßnahmen gutheiße und unterstütze. Hier möchte ich die Situation schildern, in der sich mein Atelier befindet und in der alle Kolleg*innen in der Maßschneiderei sind.
Seit dem Frühjahr '20 ergeht uns es wie vielen Berufszweigen: kaum Aufträge, kaum Nachfrage. Aktuell dürfen wir arbeiten, aber nicht am Kunden. Wir dürfen anfertigen, aber ohne Kundenkontakt: kein Maß nehmen, keine Anprobe, kein Abstecken. Das macht unsere Arbeit aus, ohne dies funktioniert Maßanfertigung nicht. Bis sich die Auftragslage bessert, wird es noch lange dauern. Nach dem Lockdown wird einige Zeit vergehen, bis wieder Anlässe für schöne Kleidung abseits der Jogginghose stattfinden können. Bis dahin machen wir auf Sparflamme weiter, bereiten Kollektionen vor, fertigen Musterteile und schöne Stücke fürs Schaufenster.
Sobald unsere Rücklagen aufgebraucht sind, haben wir keine Chance mehr, durch Idealismus und Hoffnung unseren vielfältigen, kreativen Beruf zu erhalten. Ich bin überzeugt: Kultur und Gesellschaft brauchen Menschen, die sie mit Leben füllen, die jeden und jede in ihrer Individualität wertschätzen und Schönes schaffen, das genau diese Einzigartigkeit zum Ausdruck bringt. Unsere Werkstücke erzeugen bei unseren Kund*innen und auch bei uns eine Zufriedenheit und ein Selbstwertgefühl, wie Massenware es niemals kann.
Den Beruf des Maßschneiders ergreift man aus Liebe zum Handwerk und nicht, um reich zu werden. Wir möchten weiterhin in diesem Beruf arbeiten und unsere Existenz sichern können.
Am Ende des Märchens ist der Schneider König. Wir freuen uns, wenn wir die Maßnahmen wirtschaftlich überleben und der Kunde bei uns wieder König sein kann.